Der letzte Ton verhallt und einen kurzen Moment lang verharre ich in völliger Stille. Ich spüre die Scheinwerfer, die meinen verschwitzten Körper erwärmen und ich fühle mich gleichzeitig erwärmt von dem guten Gefühl, daß ich eine akzeptable Vorstellung geliefert habe. Irgendwo vor mir sind unzählige Augen auf mich gerichtet, die ich nicht sehen kann, weil mich das Licht so blendet und einen kurzen Augenblick frage ich mich, ob jemand da draußen ist.
Dann setzt der Applaus ein und mein Herz kribbelt vor Freude. Das Klatschen der unbekannten Menschen wird ohrenbetäubend und davon bestärkt wage ich es, meinen Körper zu entspannen und mit einem Lächeln ins Publikum zu schauen. Zwar sehe ich keinen, aber ich kann sie nur zu gut hören. Ich balle die rechte Faust und strecke sie in die Luft. Wie als Reaktion darauf wird der Applaus heftiger. Ich freue mich sehr und glaube, mein zufriedenstes und freundlichstes Gesicht aufgesetzt zu haben.
Schemenhaft meine ich zu erkennen, daß die vordersten Reihen sich von ihren Plätzen erhoben haben. Ich hänge mein Instrument anders und verbeuge mich. In diesem Moment meine ich diese Verbeugung so ernst, wie sonst kaum was in meinem Leben. Ich schaue auf den Bühnenboden und sehe, wie einzelne Schweißtropfen kleine runde Pfützen hinterlassen. Ich erhebe mich wieder und will mit meinem erhobenen Daumen zu verstehen geben, daß ich diese Anerkennung großartig finde und daß sie mir sehr gut tut.
Dann fällt der Vorhang und der Applaus klingt immer gedämpfter. In diesem Moment spüre ich, daß meine Ohren mir für die nächsten Stunden einen süßen Schmerz ankündigen. Ich fühle mich unbeobachtet und atme kurz tief durch. Dann erhebt sich der Vorhang wieder.
Ich winke in die Schwärze und gehe ein Stück rückwärts. Mit einem angedeuteten Kopfnicken will ich soviel sagen! Danke, bis bald, bis dahin, man sieht sich, haltet die Ohren steif... Doch der Vorhang fällt erneut und auf meinem Gesicht muß nun eine Art von Wehleidigkeit liegen. Der Applaus wird schwächer und macht dem Gemurmel einer aufbrechenden Menschenmasse Platz.
Dann verlöschen die Scheinwerfer und es wird dunkel und kalt.
Ich brauche jetzt etwas zu Trinken, eine Dusche und Schlaf. Schlaf, Ruhe und Einsamkeit. Zeit für mich. Heute wurde der Grundstein für mehr gelegt, für viel mehr. Aber zuerst brauche ich eine Schaffenspause.
Heute schließe ich den gläsernen Deckel meiner Hyperschlafkammer und freue mich auf den nächsten Tag.
Wenn die Sonne wieder scheint.